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Steirischer Herbst '21

Der Steirische Herbst ist ein internationales Festival für zeitgenössische Kunst, das jährlich im September/Oktober in der Steiermark stattfindet. Er wurde 1968 von Hanns Koren gegründet und soll das älteste Festival für „neue“ Kunst in Europa sein.

PRESSETEXT:

Es geschah während der Lockdowns in der COVID-19-Pandemie. Wie so viele andere musste auch die Kunst von zuhause arbeiten. Was, wie sich herausstellte, gar nicht so schlimm war. Nicht nur boomte der Kulturkonsum mit Streaming-Diensten und deren Angebot an Spielfilmen, Opern, Theaterstücken und Dokumentarfilmen, auch die Kreativität von Amateur:innen blühte auf: Opern, Tänze und Gemälde aus Museen wurden in den sozialen Medien auf skurrilste Weise nachgestellt. Für viele Künstler:innen war es nichts Neues, Kunst am Küchentisch zu produzieren, und viele der Formen, die die sozialen Medien hervorbringen, ähneln sogar den postkonzeptionellen Praktiken der Kunst. Seltsamerweise blieb jedoch die zeitgenössische Kunst vom kulturellen Boom im Lockdown weitgehend unberührt. Ihre Institutionen wurden nicht vermisst, im Gegensatz zu Theatern und selbst traditionellen Museen, und das beruhte anscheinend auf Gegenseitigkeit. Während sogar die Haute Couture und Hollywood damit beschäftigt waren, ihre Strategien zu überdenken, hat unsere eigene Zunft hauptsächlich darauf gewartet, dass die Pandemie vorüberzieht, und dabei die kommenden Paradigmenwechsel diskutiert.

Mit diesen Fragen im Hinterkopf haben wir vom steirischen herbst unsere 2020er-Ausgabe, Paranoia TV, gestaltet, deren Inhalte größtenteils für die Rezeption im Netz geschaffen wurden. Im Nachhinein betrachtet war dies weniger ein Plädoyer dafür, dass die Kunst in die Augmented Reality abwandert, sondern vielmehr ein Aufruf an sie, wieder in die Privatsphäre vorzudringen, in der Fernsehen die Hauptbeschäftigung ist. Mit einer ähnlichen, vielleicht idealistischen Absicht versucht auch der steirische herbst ʼ21 wieder, „normale Menschen“ zu erreichen – auch wenn unser Slogan diesmal The Way Out lautet –, mit vielen Veranstaltungen und Kunstwerken, die im Freien stattfinden und in einem Fall bis vor die eigene Haustür geliefert werden. The Way Out ist natürlich auch eine Metapher. Sie läuft darauf hinaus, aus den White Cubes der Kunstinstitutionen auszubrechen und in ästhetisch nicht sterile Umgebungen einzutreten, die direkte Konkurrenz mit Straßenlärm, visueller Verschmutzung und politischem Dreck zu wagen und dabei zu gewinnen oder zu scheitern.

Solche Absichten, die heiligen Hallen des institutionellen Raums zu verlassen, haben eine Vorgeschichte. Die Avantgarden des 20. Jahrhunderts waren ständig auf der Suche nach einem Weg von der Kunst ins Leben. Über die Grenzen der hohen Kunst hinaus nahmen sie Dinge ins Visier, die weder verkauft noch gesammelt werden konnten und manchmal nur knapp, wenn überhaupt, als Kunst akzeptiert wurden. Nach und nach entstand aus diesen außerinstitutionellen Praktiken ein neues institutionelles System. Sein mittlerweile globales Netzwerk produziert, zeigt und sammelt manchmal auch genau die Art von nicht gegenständlicher Kunst, von denen die Avantgarden träumten, von der Performance bis zu ephemeren konzeptionellen Vorhaben, von sozialen Projekten bis zum Video. Mit der Zeit wurde diese Selbstsabotage der hohen Kunst beziehungsweise ihrer oberflächlichen Merkmale (Schönheit, Form, kathartisches Potenzial, Affekt oder einfach nur „retinale“ Sichtbarkeit) zu einem erkennbaren Modus Operandi der zeitgenössischen Kunst, den alle Erstsemester der Kunstgeschichte kennen.

9. September bis 10. Oktober 2021

, Graz